Tanz in St. Reinoldi
Seit 1993 sind in der Reinoldi-Kirche regelmäßig Kompanien aus den Bereichen Tanz und Bewegungstheater zu Gast. Anfänglich fanden die Aufführungen in enger Zusammenarbeit mit St. Petri – Kirche in der City und dem Theater Fletch Bizzel statt. Seit 1996 hat sich eine intensive Kooperation mit dem Kulturbüro Stadt Dortmund entwickelt. Die Stadtsparkasse Dortmund war von 1996 bis 2001 Hauptsponsor von Tanz in St. Reinoldi. Bis heute waren in der Kirche fast 40 Tanzproduktionen bekannter NRW Choreografinnen und Choreografen aber auch international renommierter Tanzkompanien zu sehen. >>Ich kenne kaum einen vergleichbaren Ort,in dem Tanz zelebriert erlebt werden kann, wie in der St. Reinoldi-Kirche in Dortmund. Fernab des nüchternen Erfahrungsaustausches können hier, wie in einer Schale, Magie, Ahnung und Traum mit dem Geist des Ortes und der Architektur einzigartig ineinander fließen. Das Programm ist über die Jahre hinweg überaus sorgsam komponiert. Es hat Farbe, Kontraste und Fantasie. Es unterstützt zeitgenössische Entwicklungen im Tanz. Es schafft für Künstler und Publikum eine wesentliche Grundlage einer starken Beziehung: Kontinuität und einen direkten Austausch. Die Kirche und das Programm verbinden etwas, was für mich zu den Nährstoffen des Erlebens gehört, Intensität und die Entdeckung von ungeahnten, überraschenden Verbindungen und Horizonten.<< Stefan Hilterhaus, Leiter von PACT Zollverein Nicht nur die Fachwelt blickt auf Tanz in St. Reinoldi. Die Veranstaltungsreihe hat über die Grenzen Dortmunds hinaus ihr Publikum gefunden. Im Laufe der Jahre hat Tanz in St. Reinoldinicht unwesentlich zur Etablierung der Freien Tanzszene in der Stadt beigetragen. Choreografinnen und Choreografen, Tänzerinnen und Tänzer schätzen den Kirchenraum als Tanzraum.
Lina do Carmo, Capivara, St. Reinoldi, 2001 >>Die intime spirituelle Energie zwischen den vier riesigen Säulen dieses wunderbaren Tanzraumes kann ich nicht mehr vergessen: Tanz und Sakralbühne hatten sich in einem offenbaren harmonischen Dialog gepaart. Diese privilegierten Momente haben meine Arbeit als Künstlerin vertieft. Das Konzept von akku hat die Reinoldi-Kirche als schönsten Tanzraum in NRW bekannt gemacht.<< Lina do Carmo, Tänzerin und Choreografin Die Tanzaufführungen finden im Mittelschiff der mittelalterlichen Kirche zwischen den vier Säulen statt. Kirchenbänke und Stühle werden jeweils zu diesem Anlass ausgeräumt und durch einen Tanzschwingboden ersetzt. Die Zuschauerrinnen und Zuschauer sitzen auf einem Podest im Chorraum. Das Mittelschiff der Kirche wird zur Bühne. Es erschließt sich ein faszinierender Blick in die beeindruckende Architektur einer der schönsten Kirchen Dortmunds.
Daniel Goldin, Wegerzählungen, St. Reinoldi, 1996 >>Um tanzen zu können, muss man sich in einen ganz bestimmten seelischen Zustand versetzen: Man muss sich sammeln, ganz bei sich sein. Die Kirche als Ort der Ruhe und der Sammlung bestärkt dieses Gefühl. In einer Kirche zu tanzen, bedeutet aber auch einen neuen Umgang mit dem Raum. Durch die Höhe und Weite lässt die Kirche den Menschen seine Grenzen, seine Eindringlichkeit in der scheinbaren Unendlichkeit des Raumes spüren. Man fühlt sich klein, vieles relativiert sich. Meine Choreografie Cuentos del Camino – Wegerzählungenbegleitet Menschen auf einem Stück ihres Lebensweges. Der Mensch als Pilger auf dem Weg – dieses Bild gewinnt in einem solchen Raum eine noch tiefere Dimension. Eine schöne Erfahrung!<< Daniel Goldin, Choreograf und Leiter des Tanztheaters der Städtischen Bühnen Münster Aufgrund der Eindringlichkeit des Raumes, der besonderen Bühnensituation, der vorhandenen Lichttechnik oder des Wunsches der Choreografen, Elemente der Architektur bewusst in die Choreografie einzubeziehen, kommt es mitunter dazu, dass die Choreografien teilweise dem Raum angepasst werden.

>>In meinem Leben spielt die Kirche als Institution kaum mehr eine Rolle. Umso interessanter ist es für mich, durch meine künstlerische Arbeit wieder mit der Kirche konfrontiert zu sein. Zunächst natürlich mit dem Kirchenraum und den damit gegebenen Eigenheiten, wie z.B. Hall, Säulen, Kirchenbänke, aber auch mit der ganz besonderen Atmosphäre, die in der Kirche zu spüren ist. Der Kontrast zwischen dem kühlen, beherrschenden Raum und lebendigem, vitalem Tanz ist einerseits sehr groß und andererseits überraschend klein. Und immer spannend!<< Henrietta Horn, Tänzerin und Choreografin Die großen bunten Glasfenster im Hintergrund der Bühne, die Höhe des Kirchenraumes, die wechselnde Beleuchtung und Schattenwirkung schaffen eine eindrucksvolle Atmosphäre. Es entsteht eine emotionale und fast meditative Kraft. In der Regel wurden keine Tanzproduktionen speziell für den Kirchenraum in St. Reinoldi entwickelt, sondern es wurden Kompanien eingeladen, deren Produktionen in erster Linie in säkularen Räumen zu sehen sind. Eine Ausnahme bildete Truia, eine Choreografie von Vera Sander, die 1999 speziell für den Raum der Reinoldi-Kirche entwickelt wurde. >>Bei ›Truia‹ spielte der Kirchenraumeine große Rolle. Mich interessierte es sehr, die Architektur eines Raumes mit einzubeziehen. Ich stelle immer den Tänzer mit dem speziellen Raum in ein Verhältnis. Es war ein Erlebnis, bei Truiadem Zuschauer den Blick in den Chorraum zu eröffnen. Ich glaube, das war vor dieser Tanzproduktion, die für St. Reinoldi geschaffen wurde, noch nicht geschehen. Die enorme Tiefe, die sich dadurch für das Stück ergab, offenbarte dem Betrachter ein außergewöhnliches Raumerlebnis. Aber auch in anderen Stücken, wie z.B. State of Transition, das in einem Bühnenbild spielt, schwingt der Raum mit. In diesem Falle erschließt sich der Kirchenraum klanglich. Während der Produktionsphase wurde die Kirche ein Ort ungewöhnlicher Begegnungen tanzen- der Körper und betender Menschen, Verweilender und Ruhesuchender, neugieriger Betrachter und interessierter Zuschauer.<< Vera Sander, Tänzerin und Choreografin
Im Vordergrund der Veranstaltungsreihe Tanz in St. Reinoldi steht immer die Auseinandersetzung mit der Kunst und den Produktionsbedingungen künstlerischer Arbeit und der Versuch, auf unterschiedlichen Ebenen Begegnungen und Kommunikation zu ermöglichen. Der Zuspruch zu Tanz in Reinoldiin den letzten Jahren hat gezeigt, wie wichtig es ist, künstlerische Projekte auch im Raum der Kirche durchzuführen. Gerade hier entstehen Reibungen, Protest und Zuspruch werden formuliert, eigene Positionen in der Auseinandersetzung mit der Kunst werden herausgefordert. >>Für mich liegt die Bedeutung der Tanzaufführungen darin, dass Menschen sich hier auf etwas besinnen. Das wäre ja schon ein wichtiger Anstoß. Ich bin kein dogmatisch denkender Mensch. Ich möchte mir nicht vorschreiben lassen, was ich zu glauben habe. Wichtig sind mir persönliche Anregungen zu Themen, die das Leben schreibt, die nicht abgehoben sind, die auch die Widersprüche des Lebens hervorbringen, durch die Menschen getroffen werden und die auch ein Stück Hoffnung vermitteln, was mir sehr wichtig ist. Bei den Aufführungen kann ich meinen Gedanken nachhängen und nehme eine Menge für mich mit. Ob es das ist, was der Choreograf damit ausdrücken wollte, weiß ich natürlich nicht. Der Tanz ist Bewegung, es steht keiner und hält eine lange Rede, man muss mitgehen. Selbst traurige Dinge, die der Tanz ausdrückt, sind Bewegung und Bewegung ist Fluss – auch unser Leben fließt.<< Margret Berninger, ehemalige Presbyterin der Reinoldikirchengemeinde Umbau für den Tanz

Nicht nur Überzeugungskraft war notwendig, um den Tanz in die Kirche zu holen. Eine der wesentlichen Voraussetzungen war der Aufbau einer technischen Infrastruktur im Kirchenraum selbst. Die St. Reinoldi-Kirche ist in ihrer Ausstattung auf die Erfordernisse gottesdienstlicher Veranstaltungen ausgelegt. Es gibt nicht annähernd eine technische Ausstattung, wie sie etwa in einem professionellen Theaterraum zu finden ist. Zeitgenössische Tanzproduktionen arbeiten jedoch in der Regel mit sehr aufwendigen Lichtinstallationen, mit besonderer Tontechnik oder mit ungewöhnlichen Bühnenbildern. Um eine professionelle Durchführung der Produktionen in der Kirche mit den erforderlichen Sicherheitsstandards überhaupt realisieren zu können, mussten zunächst technische Voraussetzungen geschaffen werden.
Die Kirche wurde mit Starkstromanschlüssen ausgestattet. Befestigungen für Kettenzüge, Lastkabel und Dimmerpacks wurden angebracht, angeschlossen und aufeinander abgestimmt. Statiker wurden beauftragt, die Systeme zu prüfen. Das waren die Voraussetzungen für die Anbringung von Traversen über dem Bühnenraum im Mittelschiff der Kirche, an denen zu den Aufführungen Scheinwerfer und Bühnenbilder befestigt werden. Ein weiteres Problem war der Stein- und Parkettboden in Reinoldi, der zum Tanzen gänzlich ungeeignet ist. Tänzerinnen und Tänzer benötigen einen speziellen Tanzboden, Schwingboden genannt, um Sehnen und Gelenke bei Schritten und Sprüngen weitestgehend zu schützen. Dieser Schwingboden konnte 1998 durch die Unterstützung des Kulturbüros der Stadt Dortmund angeschafft werden. 
akku hat im Laufe der Jahre in der St. Reinoldi-Kirche eine technische Infrastruktur aufgebaut, die es bis heute ermöglicht, qualitativ hohe und technisch anspruchsvolle Tanzproduktionen einzuladen und die außerdem die notwendigen Sicherheitsstandards für Künstler, Mitarbeiter und Zuschauer gewährleistet. Um diesen technischen Standard in der Kirche den erforderlichen technischen Entwicklungen anzupassen, bedarf es einer kontinuierlichen und umsichtigen Wartung und Pflege.
Chronologie Tanz in St. Reinoldi 2008 SommertanzWoche: Cie laroque/Helene Weinzierl - „Live is not a picnic“ Britta Lieberknecht - „Beben/Vibrato u. Double Perspective“ Folkwang Tanzstudio, Henrietta Horn/Jens Thomas - „Freigang“ TanzCompany Gervasi - „ Fuga-ce“ und „Patara“
2007 SommertanzWoche: Hochschule Köln - „Sommertanzabend“ Folkwang Tanzensemble - „If and only if“ Cie Elle P Danse - „ Butterfly“ Compagnie Drift - „ Amours et Delices“
2006 SommertanzWoche: Liisa Pentti & Compagnie - „1-0, Matériel du Coeur“ (Finnland) Zvi Dance (USA) - „Territories“ Attack Theatre (USA) - „Boxed In“ Ji Jung (Korea) - „The Last Scene“ Compagnie Blue Elephant (Korea) - „Tang“
2005 SommertanzWoche: Folkwang Tanzstudio - „13 Reasons ( ..to sing)“ Yoltanz - „ One“ Toula Limnaios - „Short Stories“ Cie Elle P Danse - „Angesorceler“ Rodolpho Leoni Dance - „Baud“
2004 Im Rahmen der Internationalen Kulturtage der Stadt Dortmund Compagnie Philippe Saire - „Les Affluents“ Compagnie Zoo - „ Verosimile“
SommertanzWoche: Stephanie Thiersch/mouvoir- „Ripple-Re-Vue“ Vera Sander Art Connects - „Corpi Risonanti“ Centro Ricerci Musicali – ein Tanzkonzert Cie Elle Pi u. Vera Sander - „Perpetuum Mobile“ Rodolpho Leoni Dance - „Kess Keton“
2003 Im Rahmen des Tanz-u.Theaterfestivals: INCREPACION danza/Spanien - „ d.C. (Annus Domini)“
SommertanzWoche: Britta Lieberknecht & Technicans - „Ohrsichtig“ Lara Martinelli- „for sale & nell’ apparenza“ Folkwang Hochschule Essen - „Oculus u. „ein Loch“ Cie.toula limnaios- „Vertige & Ysteres“
2002 SommertanzWoche: Walker Dance – Moment to Moment & The 3 of us Jasmin Vardimon – Ticklish Cie. Toula Limnaios – Drift YOL Tanz – Sofya MAAM Arts Projekt – Ánimo, Anónimo, Confessions
2001 SommertanzWoche: Folkwang Tanzstudio, Henrietta Horn – Lakenhal Lina do Carmo – Capivara Theater Salpuri – Quest Vera Sander – Art Connects State of Transition Tamara Stuart Ewing – scarred mouvoir & Stephanie Thiersch – Le Cœur Volé
2000 Anna Godowska, Dyane Neiman, Sayonara Pereira, Marta Pietruszka, Simonne Rorato – Solo w dialogu – Solo im Dialog Uri Ivgi, Panja Fladerer – Longing Vera Sander, Panja Fladerer – N.E.I.D. Vera Sander – Pneuma Henrietta Horn – Solo Michèle Noiret – Solo Stockhausen Emilio Gutiérrez – Hisolo
1999 Companhia Paulo Ribeiro – Memories Of Stone. Time Fallen Rui Horta.Stage Works – Shift Vera Sander – Truia Mark Sieczkarek Company – Home-Thoughts, From Abroad 1998 Michèle Noiret – Avna / Vertèbre S.O.A.P. dance theatre frankfurt, Rui Horta – Khôra Companhia Paulo Ribeiro – Rumor De Deuses Folkwang Tanzstudio, Iréne Hultman – I find Comfort in Thunder / The Exiles Ingo Reulecke – Sheik yerbouti 1997 Folkwang Tanzstudio, Mark Sieczkarek – Drops of rain in perfect days of June tanztheater aus der Zeche – jäger der nacht Jaccard Schelling Bertinelli – Les somnambules Lina do Carmo – Capivara 1996 Daniel Goldin – Wegerzählungen S.O.A.P. dance theatre frankfurt – Glass 1995 Ziradanza – Memory of Oblivion Lina do Carmo – Fugitus 1994 Fuga dance company – Beneath the Weight of Waters 1993 Theatré du Mouvement – Lettre au porteur
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